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Donnerstag, den 28. Juli 2011 um 12:31 Uhr
Miukauskas in Vorfreude: Die EM in Litauen
Von Robinas Miukauskas   


Liebe fränkische Basketballfans,

es ist ja nun schon einige Tage her, dass ich mich das letzte Mal zu Worte meldete.


Das hat freilich seine Gründe. Nachdem ich mich dem Meister nunmehr auf jeder denkbaren Position angeboten und mir Manager Heyderas garantiert hatte, man würde mich kontaktieren, so denn Bedarf bestehe, setzte ich mich letztlich doch gen Litauen ab. Die Kommunikation mit Vereinsseite führt nun ausschließlich mein raffgieriger Agent Ainfas Onebodenas. Ich bin zuversichtlich, dass sich alsbald eine neue Vertragssituation in Sachen Goldsberrys Ersatz ergibt.

Natürlich war ich nicht faul die letzte Zeit. Hab mit Worten gedribbelt und linguistisch einwandfreie Passstafetten abgeliefert. Meine hierzulande heiß gehandelten Memoiren, Arbeitstitel „Tr(i)umph – Das -as im Ärmel. Aussortiert und doch gefährlich“, ein Buch über meine bewegte Jugend in Klaipeda, die Lehrlingsjahre in Franken und ein bisschen auch über die blühende Zukunft, stehen kurz vor dem Abschluss. Das aber soll nicht der Inhalt meines Artikels sein. Ich bin ja keiner dieser grässlichen Egozentriker, die eigentlich nur ihre eigenen Produkte vermarkten wollen (Obwohl meine neue Fässerkollektion durchaus schick anzusehen ist, www.litfas.com).

In hellster Vorfreude auf den Großevent

Vielmehr geht es mir um mein Heimatland, mein wunderbares kleines Litauen, das sich in hellster Vorfreude auf den Großevent dieses Jahres befindet. Wenn Ende August die Basketball-Europameisterschaft eröffnet wird, spielt die Republik im Herzen Europas komplett verrückt. Und mit komplett meine ich komplett. Mann und Frau und Kind und Hund und Katz und Gartenzwerg.

Ich weiß nicht, ob sie mitbekommen haben, was hier passiert ist, als die U19-Weltmeisterschaft (Ganz recht, U19!) im Nachbarsland bei den Letten stattfand. Litauen, um den im NBA-Draft an fünfter Stelle gewählten Jonas Valančiunas, spielte sich ins Finale vor, dominierte von vorn bis hinten alles. Und zum Finale reisten 10.000 Litauer an, in grün, mit Fahnen, Transparenten und Perücken, um Riga einzunehmen. Wenigstens 50 Journalisten berichteten. Litauen gewann. Und daheim sahen am Sonntagabend 27 Prozent begeistert live zu. U19. Unter 19. Die Truppe, die 2008 und 2010 die U16- und U18-Europameisterschaften gewann, und nun bereits als neue goldene Generation gehandelt wird, wurde in Vilnius mit Bannern und großem Staatsempfang bedacht. Noch immer hängen die Flaggen an den Straßenlampen: Litauen grüßt die Sieger. Die Trikolore an Autos, in Geschäften, auf stolz geschwellter Brust.

Gern würde man diese Flaggen im September wieder aufhängen. Nach einer berauschenden und auch überraschenden Bronzemedaille bei den letztjährigen Weltmeisterschaften, errungen durch ein junges, hungriges Team um den humpelnden Kapitän Robertas Javtokas, will man heuer noch mehr. Die kunstvoll erstellte Medaille, mit einem bernsteinernen Ball in ihrer Mitte, soll in Gold um die Kehlen der Gastgeber baumeln. Das Land lechzt danach.

Basketball ist Selbstdefinition


Hier ist Basketball Religion. Die erste, könnte man meinen. Hier kriegt man das mit der Muttermilch und dem väterlichen Mundgeruch mit. Basketball ist hier Selbstdefinition, Beweis eigener nationaler Stärke. Hier wurde man in den 30er Jahren zweimal Europameister. Von hier kam Sabonis, der vielleicht beste europäische Spieler vor Nowitzki, von hier kam Marčiulionis, der erste Ostblockspieler in der NBA. Als Litauen 1992 bei den legendären Olympischen Spielen von Barcelona, frisch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, im Spiel um Platz drei Russland besiegte, da war man wieder wer, da hatte man sich aus dem Schatten des alles bestimmenden Systems herausgespielt, die Zunge gezeigt und bewiesen, dass man für sich selbst etwas erschaffen konnte. Dreimal in Folge gewann Litauen Bronze bei Olympia. Spieler wechselten nach Amerika. Die Welt zollte dem kleinen Land mit den großen Spielern den Respekt, den es verdiente. Das Lied, das Marijonas Mikutavičius für König Basketball schrieb, Trys Milijonai, ist mittlerweile wenigstens die zweite Nationalhymne geworden, wenn nicht die eigentliche. 2003 setzte sich Litauen die europäische Krone auf, als eine sagenhafte Truppe um Spieler wie Arvydas Macijauskas, Šarūnas Jasikevičius, Saulius Štombergas oder Ramūnas Šiškauskas die Europameisterschaft dominierte.

Die letzte EM hingegen war ein Desaster. War dem Druck nicht gewachsen. Man spielte gegen den Coach, wirkte lust-, plan- und glücklos und schied sang- und klanglos aus. Eigentlich zum ersten Mal in der Geschichte der Nationalmannschaft. Umso mehr will die kleine Baltenrepublik jetzt Wiedergutmachung. Im eigenen Land. Mit drei Millionen verrückten Litauern hinter sich.

Jetzt gibt es hier zu jedem Einkauf Gedenkmünzen im Supermarkt. Wir wählen die offizielle Hymne zur besten Sendezeit, U19 und U20 werden live gezeigt. Statt eines Fackellaufes wird ein Basketball durch die Republik gedribbelt, von Stadt zu Stadt und Dorf zu Dorf, die Nationalmannschaft tourt durch alle Ecken des Landes, tritt auf den Marktplätzen auf, überall Konzerte und Autogrammstunden. Die Karten für die litauischen Spiele (bzw. für alle Spiele, in denen Litauen auch potenziell spielen könnte, bis hin zum Finale) waren praktisch schon vor Vorverkaufsstart ausverkauft. Lange Beschwerdeschlangen derer, die sich für Geld ein vermeintliches Vorvorverkaufsrecht ergattert hatten, bildeten sich vor den Kartenkiosks.

Der Nervositätslevel steigt rasant. Zumal die neue Halle in Kaunas, wo das Finale ausgetragen werden soll, noch nicht fertig gestellt ist. Denn mit Bauen, da sind wir nicht so gut, wir Litauer. Als klar wurde, dass dieses Jahr 24 statt 16 Teams mitspielen würden, da raufte man sich die Haare, wusste man doch, dass es mit Hotelkapazitäten gerade in den kleineren Spielorten nicht ganz so weit her war. Und nun lernen die Taxifahrer fleißig Englisch, und jeder bangt und hofft, dass alles gut geht.

Und wird das klappen?

Der Kader wankt währenddessen auch noch. Linas Kleiza, der große Star, ein Egozocker, der sich bei der WM unter der großartigen Regie Kęstutis Kemzūras' wie alle anderen für die Mannschaft hergab, ist verletzt. Ebenso der fantastische Jonas Mačiulis, ein Allrounder vor dem Herrn und eine Kampfsau sondersgleichen. Der ehemalige Bonner Rimantas Kaukenas, sicherlich einer der besten BBL-Spieler der letzten zehn Jahre, der Wortspielgarant Darius Songaila (Man erinnere sich nur an so legendäre Buschmann-Kommentare wie „Da hatte Songaila noch seine Finger hinten dran!“) und Enfant Terrible und Assistgott Jasikevičius könnten wieder dabei sein. Die Lavrinovič-Zwillinge. Man weiß es noch nicht. Die jungen Wilden oder die alten Recken? WM-Überraschungen wie der explosive Martynas Pocius oder der eiskalte Tomas Delininkaitis? Eine Mischung? Und wird das klappen? Wie auch immer, man wird alles geben. Und bevor die Spanier das Ding holen, wollen wir uns hierzulande lieber beide Arme ausreißen.

In diesem Sinne lade ich Basketballdeutschland, ganz Franken, dazu ein, dabei zu sein. Herzukommen. Das wird eine Sause, die man in keinem anderen Land Europas so geboten bekommen könnte. Wir Litauer sind manchmal ein wenig muffelig, aber man kann mit uns gut einen draufmachen. Wir sind gutmütig und ein wenig eigen, aber vor allem lieben wir Basketball. Wir leben Basketball. Und wenn ihr's nicht glaubt, dann seid dabei, in Litauen, bei der Basketball-Europameisterschaft 2011. Mit Nowitzki. Und mit drei Millionen feiernden Einheimischen.

Achso, ja, wie man hört, wird wohl auch COURT-VISION.DEs Zeilenspucker Feliksas Slapbas höchstselbst im Baltikum erwartet. Ich persönlich freue mich auf jeden einzelnen Besucher im hübschen kleinen Litauen.

Auf bald und mit vielen Grüßen aus Vilnius,
Euer Robinas Miukauskas

PS.: Jonas Valančiunas ist eine Granate. Was der für eine Zukunft haben mag. Hier finden sich Ausschnitte aus seinem wahnsinnigen Auftritt beim Finale (36 Punkte): http://www.youtube.com/watch?v=lCMXxQGhGzQ&feature=player_embedded

PPS.: Hier kann man 10.000 feiernde Auswärtsfahrer bewundern: http://sportacentrs.com/sportacentrs_tv/basketbols_tv/video/11072011-lietuvas_fani_sariko_basketbola_svetkus_r

PPPS.: Kaufen Sie mein Buch.