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| Donnerstag, den 25. August 2011 um 21:49 Uhr |
| Miukauskas antizipiert |
| Von Robinas Miukauskas |
![]() Grün blühen sie in den Supermärkten, die Inseln voller Fanartikel, in gelb und grün und rot, vor T-Shirts und Schals und Perücken und Fahnen und Flaggen und Schweißbändern überlaufend. Die Nationalfarben wedeln im Fahrtwind an den Autos. Rund um die Uhr hört man das offizielle Lied zum bevorstehenden Großereignis, komponiert von Marijonas Mikutavičius, einem der größten Stars des Landes, dessen Song Trys Milijonai (Drei Millionen, ein Lied vom nationalen Zusammenhalt eines kleinen Landes, dem die Abwanderung der jungen Generation zusetzt) nicht nur zum Dauerbrenner bei jedem einzelnen Basketballspiel, sondern auch zur inoffiziellen Nationalhymne geworden ist. Im Einkaufszentrum stehen Aufsteller mit Regelkunde und Erklärungen der Schiedsrichterzeichen und solche, die die Herkunft des liebsten Zeitvertreibs der Litauer erläutern. Vor den städtischen Mülleimern sind Basketballzonen aufgezeichnet worden. Der Fernsehturm wird per Beleuchtung zum größten Basketballkorb der Welt umfunktioniert. Der Spannungsbogen biegt sich schon jetzt in den letzten Zügen der Vorbereitungsphase gewaltig, ziept und zwackt und macht so manchen bereits im Vorhinein mächtig nervös. Es ist die Zeit, wenn Fernseh-, Radio- und Printwerbung in jeder Hinsicht aufs bestimmende kulturell-gesellschaftliche Thema getrimmt werden müssen, kennt man ja in Deutschland vom Getue um den unsäglichen Volkssport Fußball, wenn die Spieler in Überlebensgröße von den Plakaten grüßen. Da hält sich der Javtokas ein Mobiltelefon vor die Brust und auf dem Display ist die litauische Flagge zu sehen. Da gibt es offizielles Wasser, offizielle Läden, offizielles Bier, offizielle Schokoriegel und vermutlich noch offizielle Klobürsten, bei deren Nutzung das gesamte Volk nun verärgert an Markas Gasolis denkt, der den Kapitän, den Nationalhelden, in einem Vorbereitungsspiel ziemlich mies unterlaufen und ihm dabei des Falles wegen fast den Arm gebrochen hat. Litauen will die Krone zurück Das Land wartet. Auf König Basketball. Darauf, dass es endlich wirklich richtig losgeht und sich die Besten Europas, dank des Tarifstreits und des bevorstehenden Lockouts in der nordamerikanischen Profiliga mit einer nie dagewesenen Dichte an NBA-Spielern, miteinander messen. Wenn die Krone des Kontinents in einer der weltweit wichtigsten Wiegen des Korbballs ausgefochten wird. Und seit nunmehr acht Jahren wird die in den falschen Ländern herumgereicht. Litauen will sie gern zurück. Nun reisen die Deutschen ja zum Beispiel mit Dirk Nowitzki an, dem größten Spieler der Stunde, dem wertvollsten Spieler der NBA-Finalserie, Sympathieträger und ESPN-Spieler des Jahres (und unvermeidlich auch dem kommenden deutschen Sportler des Jahres). An seiner Seite der fern jeder Kompetenz Raketen verschießende Ex-ALLSTAR Chris Kaman, der deutscheste Deutsche seit Siggi Bradley. Was das teutonische Ensemble im Baltikum aus- und anrichten kann, wird sich freilich zeigen; arg euphorische Meinungsumfragen, bei denen 40 Prozent den Titel anpeilten, gehen aber höchst wahrscheinlich an der Realität vorbei. Zunächst sollte man die erste Gruppenphase in Šiauliai gegen hüpfende Franzosen, neue Letten, schwierige Serben, ballverliebte Italiener und Israelis, die eben auch dabei sind, überstehen. Was dann in Vilnius geht, wer weiß das schon? Und für die Gastgeber? Nach den Vorbereitungsspielen weiß man genau zwei Dinge: Man kann gegen Spanien, die Übermannschaft, gewinnen. Und: Man kann auch gegen sie verlieren, mit 20, genauso wie gegen die Russen und Slowenen. Bisher hat der Anlauf zur WM Trainerstab und Fanwelt derartig viele graue Haare eingebracht, wenn der alte Haudegen Jasikevicius, so genial er einmal war und in ausgewählten Situationen noch ist, den Ball in der Hand hat, oder wenn es der Trupp auf dem Feld selbst gegen den Balljungen noch schwer hätte, sich den Rebound zu sichern, dass man munkelt, die farbenprächtigen Perücken würden noch größeren Absatz bei den besorgten Anhängern finden als erwartet. „So dürfen wir nicht spielen bei der EM“, denkt der Sportreporter laut nach, nachdem müde Litauer in Slowenien mächtig unter die Räder gekommen sind. Man kann fast hören, wie er den Kopf schüttelt. Dann fügt er bedrückt hinzu: „Naja, entweder wir gewinnen alle zusammen, oder wir verlieren eben alle zusammen.“ Es hängt eine große dunkle Wolke über der Europameisterschaft. Meister im eigenen Land? Das hat ja selbst noch Deutschland geschafft. Und als Litauen zuletzt ausrichtete, gewann es auch Gold. Aber heuer? Eine große dunkle Wolke einer unheilvollen und -schwangeren Vorahnung. Noch versucht man sie hier nicht wahrzunehmen. Es wird einiges an Willen und Mumm und Wut bedürfen, um sie zu vertreiben. So spielen wie letztes Jahr gegen Argentinien. Mutig. Gefährlich von überall. Zusammen. Selbst der Letzte wird vor der Großleinwand stehen Als letzte Woche die neue Žalgiris Arena eröffnet wurde, mit Pomp und Glitzer, mit 15.000 begeisterten Fans, da sangen die Opernsänger, dass Gott Basketball spiele und auf Seiten der Litauer stehe. Einen habe ich gehört letztens, der sagte, Basketball sei Religion hier, er aber sei Atheist. Er stand damit allein da. Selbst der Letzte wird vor der Großleinwand stehen, mit Freunden und Familie vor dem TV fiebern, mitleiden, auf Russisch fluchen und auf Litauisch jubeln. Und vielleicht glaubt dann auch das Team daran, und Glauben soll ja, so heißt es in einschlägigen Sprichwörtern, Berge versetzen können – auch wenn es davon im EM-Land Litauen gar keine gibt. Das wird ein Lärm, wenn das hier losgeht, als würde Bras Sekšionas sich um die Mauern Jerichos kümmern. Ein Tumult wie bei der legendären Schlacht von Žalgiris, oder wie die Deutschen sie wohl nennen würden: bei der Schlacht von Tannenberg. Als die Litauer auf ihren kleinen schamaitischen Pferden dem Deutschen Orden in der größten Schlacht des Mittelalters gehörig in den Allerwertesten traten. Das wird ein Spaß, eine Party, die in dieser Generation hier nur einmal passieren wird. Und selbst wenn im Nachhinein alle jammern, wie teuer das im Endeffekt war und dass man auch gleich Džordžas Alesverpras höchstselbst das Budget hätte regeln lassen, ich freue mich ungemein auf das Schauspiel, das nächste Woche beginnt und hoffentlich mit Pauken und Trompeten und Freudentiraden zu Ende geht. Ich wünsche allen eine tolle EM und viele tolle Basketballspiele mit verdienten Siegern! Euer Robinas Miukauskas |